Tauroggen 1812

Am 30. Dezember 1812 – die französische Armee befindet sich auf dem Rückzug – schließt Generalleutnant Yorck, Kommandeur des  preußischen Hilfskorps im französisch-russischen Krieg, mit Rußlands Generalmajor Diebitsch einen Waffenstillstand.

General von Yorck

Vorwand war das von beiden fingierte „Abgeschnittensein“ der preußischen Kräfte bei der Flucht der Grande Armée aus Rußland. Die formal unbedeutende „Konvention von Tauroggen“ sah die Neutralisierung des weitgehend handlungsfähigen preußischen Korps auf eigenem Gebiet vor – vorbehaltlich etwa  „eingehender Befehle“ des preußischen Königs [1].

Absichten der Herrscher

Zum Vertragsabschluß war Diebitsch von Zar Alexander authorisiert worden.

Für Yorck gab es keine Ermächtigung von Seiten des preußischen Königs Friedrich Wilhelm. Von diesem war nur bekannt, daß er das von Napoleon vielfach verletzte „Bündnis“ aufgeben, jedoch eine Entscheidung Österreichs abwarten wollte. Von der völligen Auflösung der französischen Armee wußte er (noch) nichts. Die Eigenmächtigkeit von Yorck verurteilte er (anfangs) scharf und befahl, diesen vor ein Kriegsgericht zu stellen.

Friedrich Wilhelm III.
Friedrich Wilhelm III.

Yorck war der Überzeugung, für seinen König in einer Situation zu handeln, in der dieser selbst dazu (noch) nicht in der Lage war. Er setzte sich bewußt dem Vorwurf des Hochverrats aus. Er war bereit

„auf dem Sandhaufen ebenso ruhig wie auf dem Schlachtfelde, auf dem ich grau geworden bin, die Kugel [zu] erwarten“.

Folgen der Konvention von Tauroggen

Napoleon war die Bedeutung der Konvention sofort klar. Er sagte zum Überbringer der Nachricht:

Der Abfall des General Yorcks kann die Politik von Europa verändern

– womit er Recht behalten sollte – und ließ auf der Stelle von seinem Senat 350.000 Rekruten fordern.

„Die Tat des Generals Yorck bereitete den Bündniswechsel vor: die ostpreußischen Stände begannen – von einer breiten patriotischen Bewegung getragen – eine Landwehr aufzustellen [Titelbild dieses Blogs]. Die in dicken Konvoluten erhaltenen Spendenakten beweisen, daß auch die Landbevölkerung von der neuen politischen Emotion auf breiter Front ergriffen worden ist“ [2].

Parallel wurde am 23./24. Februar 1813  der russisch-preußische Bündnisvertrag von Kalisch unterzeichnet. Am 17. März 1813 wandte sich erstmals in der Geschichte der preußische König mit dem „Aufruf An Mein Volk“ an die Preußen, um seine Politik zu rechtfertigten. Mit dem von Schinkel entworfenen „Eisernen Kreuz“ wurde erstmals eine für alle Ränge einheitliche militärische Auszeichnung geschaffen.

Der erfolgreiche Freiheitskrieg gegen Frankreich, dem sich neben Rußland Österreich und Schweden anschlossen, führte zu 100 Jahren Frieden in Europa.

Vorgeschichte Preußens mit Napoleon

Napoleons Angriffskrieg von 1806 führte zur schweren Niederlage der preußischen Armee bei Jena und Auerstedt. Im „Frieden von Tilsit“ verlor Preußen 1807 die Hälfte seines Gebietes und mußte erhebliche „Kontributionen“ leisten [3].

Die Ausplünderung des Landes durch die Franzosen und die endlose Verlängerung der Besatzung nach dem Friedensschluss führten zu einer immer mehr von Hass gegen die Besatzer erfüllten Stimmung.

Im Aufruf Friedrich Wilhelms III. von 1813 hieß es

Der Friede, der die Hälfte Meiner Unterthanen mir entriß, gab uns seine Segnungen nicht; denn er schlug uns tiefere Wunden als selbst der Krieg.

Das Mark des Landes ward ausgesogen, die Hauptfestungen bleiben vom Feinde besetzt, der Ackerbau ward gelähmt, sowie der sonst so hoch gebrachte Kunstfleiß unserer Städte.

Die Freiheit des Handels ward gehemmt und dadurch die Quellen des Erwerbs und des Wohlstandes verstopft.

Das Land ward ein Raub der Verarmung.

Durch die strengste Erfüllung eingegangener Verbindlichkeiten hoffte Ich Meinem Volk Erleichterung zu bereiten, und den französischen Kaiser endlich überzeugen, daß es sein eigener Vortheil sey, Preußen seine Unabhängigkeit zu lassen.

Aber Meine reinsten Absichten wurden durch Uebermuth und Treulosigkeit vereitelt, und nur zu deutlich sahen wir, daß des Kaisers Verträge mehr noch wie seine Kriege uns langsam verderben mußten.

Am 24. Februar 1812 schließlich wurde Preußen gezwungen, sich als „Verbündeter“ im kommenden Krieg Napoleons gegen Russland zu beteiligen. Preußen musste ein Truppenkontingent für die Grande Armée stellen und durch sein Gebiet wälzten sich plündernd endlose Kolonnen von Napoleons Vielvölkerarmee.

Wertung des General von Yorck

Yorck verkörpert den Typus des selbständig denkenden Offiziers, der schwerwiegende persönliche Nachteile in Kauf nimmt, um für das Ganze zu handeln.

Es gelang ihm mit kühler Entschlossenheit, in einem günstigen Augenblick die außenpolitischen Fehler Preußens, Rußlands und Österreichs aus der vorangegangenen Dekade korrigieren.

Politisches Unvermögen in Preußen, Rußland und Österreich

Gegen Napoleons Imperialismus hatten die damaligen „Ostmächte“ Preußen, Rußland und Österreich keine einheitliche politische und diplomatische Konzeption.

Preußen befand sich durch seine Neutralität in außenpolitischer Isolation. Im Jahr 1805 verbündete sich zwar Friedrich Wilhelm nach langem Schwanken mit Russland, scheute sich aber, in den Krieg Österreichs und Russlands gegen Frankreich einzugreifen.

1807 fiel dann Rußland von Preußen ab, sodaß dieses gezwungen war, den drakonischen Frieden von Tilsit anzunehmen.

Im Jahr 1809 weigerte sich Friedrich Wilhelm gegen das Drängen der Reformer und des romantischen Dichters Heinrich von Kleist, sich dem neuen Feldzug des österreichischen Kaisers Franz I. gegen Napoleon anzuschließen. Dieses, obwohl die Österreicher bei der Schlacht von Aspern Napoleon seine erste große Niederlage beibrachten und Aufstände in Tirol, im Königreich Westphalen und in Preußen ausbrachen.

Im Gegenzug weigerte sich Österreich Ende 1811, ein Bündnis mit Preußen gegen den von Napoleon vorbereiteten Rußlandfeldzug einzugehen.

Zuvor hatte Zar Alexander erfolglos Warschau, Österreich und Preußen im Februar 1811 einen Präventivkrieg gegen Napoleon vorgeschlagen, was dessen Kriegsvorbereitungen nur beschleunigte.

Im unkoordinierten diplomatischen Spiel gewann am Ende derjenige, dessen Gegner verleitet werden konnte, in Rußland einzumarschieren.

Fazit

Die Bewahrung des Friedens gegen eine aggressive imperialistische Macht erfordert eine einheitliche politische und diplomatische Konzeption.

Deren Erstellung seitens Rußland, Deutschland und Frankreich steht in 2015 noch aus.

Nachdem die angelsächsische Oligarchie und ihre deutsche fünfte Kolonnne in 2014 im Zuge des Rußland-Containments unerwartet eine schwere Niederlage erlitten haben (s. hier und hier), findet seit 2015 ein Entlastungsangriff gegen das unbotmäßige Volk statt (s. hier und hier).

Grundsätzlich ist sich die angelsächsische Oligarchie  ihrer deutschen Vasallen nicht mehr sicher.

„Die deutsche Frage ist offen und entscheidet für die USA den Fortgang der nächsten 20 Jahre“

George Friedman über Russland-Containment beim Chicago Council, 2015 (8:50)

[1] Ausführliche Darstellung zur Konvention von Tauroggen: Wikipedia

[2] Wolfgang Neugebauer: Geschichte Preußens. S. 96. zit.n. Wikipedia.

[3] Siehe Wikipedia zur Regierungszeit von Friedrich Wilhelm III. (1797-1840).

Dem Wahren, Schönen, Guten von Lissabon bis Wladiwostok

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